Ich habe mir die Tage mal ein paar Gedanken um die Zukunft des Djing gemacht und, soviel sei gespoilert, ich denke das wird vielen nicht gefgallen, aber sei’s drum. Es muss ja auch nicht so kommen, aber ich schmeisse das mal in die Runde, vielleicht kommt’s ja auch ganz anders, nur für mich sieht der Weg dahin gerade so aus.
Am Anfang von Techno legte ich mal im Tresor auf und ein Freund aus der alten Heimat war zu Besuch und kam mit. Der kannte mich noch aus den Zeiten, als ich im Dschungel in Wiesbaden (Heute Basement) auf 2 riemenangetriebenen Plattenspielern Platten aneinander hängte, entweder mittels Intro und Outro überblendend oder mit schnellem Cut von einem Track zum anderen wechselnd. Zu der Zeit war der Wiedererkennungswert noch wichtig und als er da nun im Tresor stand war sein erstes Erstaunen, das er nicht einen Track kannte und auch über Stunden kein Gesang zur Orientierung da war, geschweige denn das er wusste wo ein Track aufhörte und der nächste anfing und die tanzende Meute wollte das auch noch so, darüber war er offensichtlich schwer irritiert.
Schwenk 35 Jahre später, so viel hat sich nicht geändert, außer der Technik vielleicht, aus Plattenspielern wurden CDJs oder Controller, aber im Grunde wird darauf nur das weitergeführt was damals neu war. Trotzdem hat sich einiges geändert, höre ich so Hard Techno Sets, gibt es da viele selbsterstellte Edits bekannter Tracks mit den typischen Kicks und der Hook des verarbeiteten Hits womit Sets personalisiert werden. Auch nicht gerade neu, sondern eher meist ein Zeichen, das die Innovationskraft eines Genres erschöpft ist, siehe auch Schranz oder Breaks in den Nullerjahren. Ich will das auch hier gar nicht werten, es gehört nur in die Rechnung mit rein. Auf der anderen Seite gibt es nun KI generierte Musik wie z.B. Suno und ich las da Berichte und Untersuchungen, das viele die sich damit beschäftigen, gar keine andere Musik mehr hören, weil sie diese Musik als ihre persönliche empfinden und gar nichts anders mehr hören wollen, weil es genau ihrer Personalisierung entspricht. Zähle ich nun 1 und 1 zusammen, und nehme noch die Komplikationen des Nightlife wie hohe Kosten und Besucherschwund dazu, könnte man meinen, das war’s dann. Denke aber ne, andererseits ist es seit Urzeiten ein Grundbedürfnis von Menschen sich gesellig zu Musik zu treffen, nur verändern sich die Parameter, vom Orchester zur Schallplatte, zum DJ hat es keine 100 Jahre gebraucht. Es braucht vielleicht nur den einen zündenden Funken und die Sache sieht schon wieder ganz anders aus und dieser könnte durchaus in KI generierter Musik liegen, ob einem das von heute aus gefällt oder nicht. Bislang war ja die Vorstellung z.B. das mittels KI und Sensoren auf der Tanzfläche irgend sowas passieren könnte das dadurch die Trackauswahl gesteuert werden könnte, Swarmchoice oder so ähnlich, und das den DJ ersetzt, was ich persönlich nie für erstrebenswert oder erfolgversprechend hielt, alleine schon weil zu diesem uralten Ritual die Identifikationsfigur auf der Kanzel gehört. Stattdessen erscheint mit die Kombination von KI und DJ, wenn man das noch so bezeichnen will, viel logischer. Ein DJ ist eine Persönlichkeit mit Musikgeschmack auf den sich bestenfalls viele einigen können und beides, Persönlichkeit und Musikgeschmack geht da Hand in Hand, siehe oben erwähnte Hard Techno Edits mit denen der DJ sein Set individualisiert. Wiedererkennungswert muss nicht durch fertige Tracks definiert sein, sondern durch Persönlichkeit und da kommt die KI ins Spiel, sei es das nur er diese mit KI selbstgenerierten Tracks hat, oder, in weiterer Entwicklung diese sogar live generiert und eben nur er diese Persönlichkeit hat diese so zu generieren und das dann vielleicht noch auf Visuals ausdehnt, einen schönen Gruß an die leer ausgehende GEMA an dieser Stelle. DJ, Liveact und AV Artist in einem, Dank KI. Ich denke dahin könnte die Reise auf die ein oder andere Weise gehen, nicht heute und nicht morgen, aber so schnell wie die Entwicklung da gerade vonstatten geht, könnte sowas in nicht allzuferner Zukunft möglich sein. Für uns heute vielleicht schwer vorstellbar, aber lass da noch ein bis zwei Generationen durchlaufen und die haben da ganz andere Prämissen, was sie an Entertainment im Musikbereich erwarten. Der Sprung wird noch größer sein, als das was mein Freund damals im Tresor erleben musste.

Sehr lesenswert wie ich finde , (ja mit dem Background auch kein Wunder. )
😉
MFG
Adam
Interessanter Text! Mir fiel beim Lesen die Transhumanisten-Bewegung ein (egal, was man jetzt davon hält, aber die werden die Gesellschaft weiter verändern) und das es in Kürze tatsächlich Clubs geben könnte, wo man mit Gehirn- oder Rückenmarkschip eine autonome Schwarmcrowd haben könnte, die der DJ nur noch moderiert oder auch pusht, nicht nur musikalisch sondern auch biochemisch-emotional. Der Master of Ceremony und Serotoninhaushalt so in etwa. 😅👀
Nicht zu vergessen: Die VR-Brille und die Tatsache, dass der zur Bequemlichkeit verführte Homo digitalus es vorzieht, sich sein eigens kuratiertes Cluberlebnis ins Wohnzimmer zu beamen und genau, wie du sagst, nur noch das hört, was er sich selbst von Algorithmen errechnen ließ, weil es ja seinen persönlichen Präferenzen entspricht. Tresor? Berghain? RSO? Schranz? Techno? Alles nur noch Begriffe. In seiner virtuellen Verführtheit lässt er sich, wie auf dem Holodeck in Star Trek, genau die Räume und Klangwelten projizieren, auf die er gerade Lust hat. Neben einem stehen Typen, die komisch stinken? Schnell umprogrammieren. Dort drüben eine attraktive Brünette? Die hole ich mal näher heran… Der DJ spielt plötzlich Eurodance? Den schalte ich einfach ab. Alles unter Kontrolle. Keine Provokationen. Keine Reibung. Keine Ekstase. Nur ein Spiel. Und am Ende ist es genau das, was Data auf dem Holodeck in Star Trek nicht replizieren konnte: die Liebe zum Leben, so wie es in Wirklichkeit ist. Dazu brauchte es einen menschlichen Gegenspieler. Hoffen wir, es menschelt auch in Zukunft weiterhin – wenigstens auf der Tanzfläche, dem Ort, wo man ja „abschalten“ (heute auch im digitalen Sinne) und vergessen möchte. 🙂
Und es kommt noch doller. Die Industrie, also auch die Musikindustrie ist auf die untere Mittelschicht angewiesen, um ihre Produkte abzusetzen. Deren Jobs stehen aber Dank KI schon auf der Kippe. Mich würde ja interessieren, wie da der Lösungsansatz aussieht. Ansonsten bliebe für Techno auch nur noch die Reichenbespassung. Das wird hingegen aber nicht reichen. Zumindest nicht für alle.
Vielleicht bricht sich ja dann, wenn gar nichts mehr geht, ein neuer Underground seine Bahn ins Techno-Netz… „Handmade“, „Non-AI“ und „Vinyl only“ gibt’s ja hier und da schon oder noch… Dass der Tresor übrigens kein Personal an der Garderobe mehr hat und man sich ein Schließfach via App buchen kann, schreit schon auch nach Veränderung… Ob man irgendwann keine Türsteher mehr hat? Das wäre ja auch irgendwie seltsam… Was ist die Alternative? Wir dürfen gespannt sein…