T35: Mein Closing Set zum 35 Jahre Tresor Weekender

35 Jahre schon, puh! und ich erinnere mich noch gut an die Anfangstage. Hier ein Exzerpt aus dem damaligen Thema der Woche im hiesigen Blog dazu:
Anfang 1991 befanden wir uns in Berlin in einer schwierigen Situation, 1988 hatten wir das UFO in der Köpenicker Straße, 89-90 gab es das zweite UFO am Kleistpark in Schöneberg, das aber von Anfang an Probleme bereitete, was bei einem ehemaligen Pennymarkt in einem Hochaus nicht weiter verwundern sollte . Richtig laut und bassig durfte es dort nie werden, das gab sofort Beschwerden von den Bewohnern, denen das Geboller durch die Lüftungsrohre direkt in die Wohnung geliefert wurde. Zudem hatte sich der anfängliche Charm der Location ziemlich schnell verflüchtigt und die neue Situation nach dem Mauerfall tat ihr übriges um den Laden zunehmend unpassend zu empfinden. Die Maueröffnung hatte alles verändert und schon bald gab es die ersten illegalen Parties im Osten. 1990 war das Jahr in dem man sich im Osten umschaute und 1991 explodierte dann alles, der Tresor war praktisch zwangsläufig, nur wußte eben noch keiner das er passieren würde. Möglich wurde das durch Johnny, der ursprünglich mit Wolle Tekknozid veranstaltete, sich aber bald mit Achim und Dimitri vom Fischlabor befreundete. Zu der Zeit war es für Westler nicht so ohne weiteres möglich an Immobilien, auch mietweise, im Osten ranzukommen, man brauchte quasi einen Strohmann: here comes Johnny! Von der Locationsuche hatte ich nicht viel mitbekommen, irgendwann hieß es einfach”komm mal mit, wir müssen dir was zeigen”.
Mein erster Eindruck war nicht spektakulär, eine geschlossene Fensterfront eines ehemaligen Ladens in einem Gebäude, das seinem Provisorium nach typisch Osten aussah, aber was dann folgen sollte ließ die Vorfreude schon bald hochköcheln. Zuerst zeigten mir Dimitri und Johnny den ehemaligen Laden, das sollte in der Tradition des Fischlabors ein Cafe werden. Aha dachte ich mir, während ich die dort rumliegenden Reiseposter mit kyrillischer Schrift inspizierte, dann ging es weiter in das, was später der Globus wurde, das sah schon eher nach Technoladen aus. Dann führten die beiden mich über abenteuerliche Treppen und Leitern auf’s Dach und allein die Möglichkeiten die sich bis dahin aufgetan hatten, liessen das UFO wie ein Überbleibsel aus grauer, langweiliger Vorzeit erscheinen, das hier war ein Abenteuerspielplatz bester Güte und vom Dach sah man auch noch auf den verwilderten Garten. Erst dann bekam ich in einer Manier, die Steve Jobs mit “oh, just one more thing” erst Jahre später kultivieren sollte, den eigentlichen, damals noch namenlosen, Tresor zu sehen. Obwohl, sehen ist eigentlich zuviel gesagt, bestückt mit einer Funzel ging es hinab in den Keller und was sich auftat war ein Raum im Raum mit abenteuerlichem Rundumgang, man mußte mir erstmal zeigen, was der eigentliche Raum war, ich ertastete und erahnte nur was da für ein Schatz verborgen lag und ab da war’s eigentlich nur noch ein Warten, das der Laden endlich aufmachen würde, was allerdings noch ein Weilchen dauerte. Ich riss weiter wöchentlich mittwochs meinen Cyberspace im UFO ab, dann gab es eine kurze Pause als das UFO schloss, aber der Tresor noch nicht fertig war und endlich im März 1991 war es dann soweit und der Tresor öffnete seine Pforten. Natürlich durfte das nicht offensiv beworben werden, das Ding war ja illegal, trotzdem strömten die Massen schon bald nach Beginn, einfach durch Mundpropaganda, wie es seit dem ersten UFO eigentlich Brauch war. Von Woche zu Woche sprach es sich mehr rum und alsbald hatte man eine lustige Mischung von Völkchen beisammen. Neben der Ursuppe von Berlin Techno traf man hier auf Raver aus Ost und West, zunehmend auch englische Soldaten, die heilfroh waren auf ihr Raven aus England hier nicht verzichten zu müssen und bald mußte jeder mit Rang und Namen aus Berlin, der was auf sich hielt, mal im Tresor gewesen sein, zumindest um ihn mal gesehen zu haben, denn alles und jeder sprach ja darüber. Immer wieder kam es zu amüsanten Szenen, wenn Leute meinten den tollen Tresor entdeckt zu haben und man sie dann erstmal durch die Stahltür in den Keller leitete, damit sie das eigentliche Prachtstück sahen und erfahren konnten. Was da unten im Keller abging war natürlich nochmal zwei Schippen doller als das doch eher zahme und normale Gewese im Globus. Ich glaube es gibt kaum jemanden, der aus dem Keller nicht irgendwie verändert rauskam. Und ich kenne Leute, die erst nach Wochen entdeckt hatten was ihnen zuvor entgangen war.

Das ist jetzt also schon 35 Jahre her und ich hätte nie gedacht, das nach der Schliessung ein weiterer Tresor existieren würde, allein die Einzigartigkeit der Räumlichkeit ließ das für mich unmöglich erscheinen, but here we are, es sollte anders kommen und ich bin heilfroh darüber! Nirgendwo anders kann ich so frei im Set sein wie da, siehe auch dieses Set, das mit 170 BpM startet und nach fast 5 Stunden bei 135 Bpm endet, mit immer mal wieder eingesprenkelten Tresorklassikern darin. Es war das Abschlußset der 35 Jahre Festivitäten und ich bedanke mich, als letzter verbliebener DJ aus der ersten Riege, das mir diese Ehre zuteil und das Vertrauen in all den Jahren entgegengebracht wurde.
Auf die nächsten 35 Jahre Tresor!

7 thoughts on “T35: Mein Closing Set zum 35 Jahre Tresor Weekender”

  1. Mein 1 Mal „Tresor“ war eigentlich nur Globus.
    Beim 2 Mal dachte ich mir, dass da die Treppe runter ist nicht das Jungsklo, da geh ich jetzt Mal gucken.
    Und du hast Recht: hoch gekommen bin ich total verändert.
    Dunkel, Nebel, Strob und Techno. Das Raver Mädchen ward glücklich.

  2. Wir waren als Harzer Party Crowd immer freitags zur DUB Mission im E-Werk und einmal samstags nach coolen After Hours Partys mit „Natives“ im TRESOR gelandet. Auch im Globus merkwürdig schauend, dann aber die Treppe hinabsteigen und eine andere Welt tat sich auf.

  3. Schön geschrieben! Bei der Eröffnung des Tresors im März 91 hätte ich es mir nicht vorstellen können, dass ich 35 Jahre später immer noch im Tresor feiern werde und Techno noch liebe. Fast auf den Tag genau 35 Jahre später hast du mich mit diesen treibenden Volgas-Set sehr glücklich gemacht. Damals auf der ersten Party des Tresors Stands du ja auch an den Decks. Was für ein Bogen … 🤗🥳❤️

  4. Sehr schöner Text mit dem Bogen von damals, und kleiner Tresor Vorgeschichte, bis heute. Ohne den ersten Verlust wäre das Kraftwerk und die heutigen Institutionen in seinem Bauch wohl nie entstanden. Obwohl der Tresor Tower allemal besser wäre, als was da jetzt steht. Aber, Kraftwerk, noch besser! Happy Bday Tresor und 35 Jahre dort auflegen. Cyberspace Mittwoch war Keimzelle des Sounds, für mich.

  5. ALLE mögen sich demütig vor dieser Institution verneigen. Und noch tiefer vor denen, die sie über die Jahre am Leben gehalten haben.
    @Tanith, wäre ja auch Katastrophe wenn Du in Deinem Keller nicht als DJ Künstler machen könntest wonach dir ist;-)

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